Interview: Schlafstörungen bei Tinnitus

9. Januar 2020
14 Min.

„Leg dich hin, denk an etwas Anderes und schlaf einfach.“ Wenn es doch nur so einfach wäre, denken sich wohl all diejenigen, die unter Tinnitus leiden. Das bedeutet, sie nehmen ein Geräusch wahr, obwohl eine äußere Schallquelle fehlt. Dieses Ohrensausen hält viele Menschen vom entspannten Ein- und Durchschlafen ab. „Doch es gibt einige nichtmedikamentöse Behandlungsmethoden, um den Tinnitus zu bewältigen“, weiß die Schlafmedizinerin Prof. Dr. med. Kneginja Richter. Welche das sind und mehr Wissenswertes zu Tinnitus, verrät sie im Interview.

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Über die Interviewpartnerin


Prof. Dr. Richter im Interview über Schlafstörungen bei Tinnitus.Prof. Dr. med. Kneginja Richter leitet die Schlafsprechstunde der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Nürnberg sowie die psychiatrische Tinnitussprechstunde. Des Weiteren hält die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie Vorlesungen, beispielsweise an der Fakultät für Sozialwissenschaften der Technischen Hochschule Nürnberg.



Tinnitus: Durchblick im Begriffsdschungel

  • zeitliche Dauer: akut (Ohrgeräusche treten nicht länger als 3 Monate auf ); chronisch: (Tinnitus dauert seit mindestens 3 Monaten an1)
  • Arten: subjektiv (nur für den Patienten, nicht für Außenstehende wahrnehmbar); objektiv (sehr selten; auch vom Untersucher mit Messgeräten hörbar; ein möglicher Grund sind Gefäßveränderungen im Bereich des Ohrs )
  • so klingt Tinnitus: meist pfeifendes, aber auch rauschendes, zischendes oder brummendes Geräusch; durchgehend oder unterbrochen; einzelne oder mehrere Frequenzen
  • hier wird er wahrgenommen: einseitig, beidseitig oder als sich im Kopf bildend
  • Auftreten: plötzlich und unerwartet

Was genau passiert bei Tinnitus?

Hier muss ich erst einmal erklären, wie das Hören funktioniert. Trifft ein akustischer Reiz auf das Innenohr, wandeln die Sinneszellen dort diesen Reiz in elektrische Impulse um. Im weiteren Verlauf werden die Impulse an das Gehirn weitergeleitet und dort verarbeitet.

Nun kann es aber zu einer Funktionsstörung der Sinneszellen kommen, mit der Konsequenz, dass diese krankhaft aktiv beziehungsweise erregt sind. Die beeinträchtigten Sinneszellen liefern also weiter Informationen, die ins Gehirn weitertransportiert werden, auch wenn es dafür keine reell vorhandene Geräuschquelle gibt. Einfacher formuliert heißt das, Menschen mit Tinnitus hören ein Geräusch, obwohl dieses objektiv nicht vorhanden ist.

Gibt es unmittelbare Auslöser für Tinnitus?

Bei einem Teil der Betroffenen ist Tinnitus auf ein akustisches Trauma zurückzuführen. Durch zu starke Schallreize – wie beispielsweise Bau- oder Maschinenlärm – können die Sinneszellen des Corti-Organs im Innenohr, die zuständig sind für die Reizweiterleitung über den Hörnerv zum Gehirn, geschädigt werden. Auch Musiker, die ohne Ohrstöpsel proben oder Konzerte spielen, sind gefährdet. Generell können übermäßig laute Geräusche oder akustische Signale, die über die subjektive Schmerzgrenze hinausgehen, Tinnitus verursachen.

Bei den meisten Menschen jedoch tritt der Tinnitus ohne ein unmittelbares Trauma auf. Tatsächlich sind sehr viele Patienten unserer psychiatrischen Tinnitus-Sprechstunde Lehrer oder im Managementbereich mit hoher Verantwortung tätig.

Welchen Arzt sollten Betroffene aufsuchen, wenn sie Ohrgeräusche wahrnehmen?

Erste Anlaufstelle bei akutem Tinnitus ist der Hals-Nasen-Ohren-Arzt, der Gehörgänge, Nase und Hals untersucht. Auch ein Besuch beim Zahnarzt ist ratsam, um abklären zu lassen, ob der Tinnitus von einer Störung im Mund-Kiefer-Bereich herrührt. Zu denken ist auch an eine Störung im Halswirbelsäulenbereich, die den Tinnitus ausgelöst haben kann. Dies klärt ein Orthopäde ab. Auch andere organische Gründe wie beispielsweise Durchblutungsstörungen müssen von ärztlicher Seite ausgeschlossen werden.

Zu uns in die psychiatrische Tinnitus-Sprechstunde kommen Patienten mit chronischem Tinnitus, die nicht auf die bisherige Behandlung – in der Regel medikamentös mit Cortison – angesprochen haben und bei denen keine organischen Ursachen vorliegen.

„Chronischer Tinnitus ist weit verbreitet, europaweit leiden mindestens 10 Prozent der Bevölkerung darunter.“ (Prof. Dr. med. Richter)

Von welchen Gedanken und Sorgen berichten Betroffene, die zu Ihnen in die Klinik kommen?

Es ist weniger eine konkrete Sorge, die die Patienten belastet. Vielmehr berichten sie, dass sie durch den Tinnitus belastet und in ihrer Lebensqualität deutlich eingeschränkt sind, weil die Ohrgeräusche sie Tag und Nacht begleiten und beeinträchtigen, egal was sie machen. Mediziner sprechen in diesem Fall von einem dekompensierten Tinnitus.

Viele Menschen, die unter Tinnitus leiden, haben Schlafstörungen. Wann werden die Geräusche gehört? Beim Einschlafen? Oder wachen die Betroffenen eher auf?

Bei den Menschen, die tinnitusbedingte Schlafstörungen haben, handelt es sich um eine Insomnie, eine Ein- und Durchschlafstörung. Das heißt, durch das Ohrgeräusch brauchen sie lange zum Einschlafen, in der Regel vergehen dabei mehr als 30 Minuten. Manche werden durch den Tinnitus wach und brauchen dann wiederum lange, um erneut einschlafen zu können.

Sie haben Schwierigkeiten, ein- oder durchzuschlafen?

Das Klinikum Nürnberg bietet im Rahmen der Schlafsprechstunde eine Beratung und Behandlung mittels Kognitiver Verhaltenstherapie für Insomnie (KVT-I) an.

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Gibt es ein Verständnis in der Gesellschaft für die Situation, in der sich Tinnitus-Patienten befinden?

Tatsächlich fällt es Menschen manchmal schwer, sich in andere hineinzuversetzen und Probleme nachzuvollziehen, die sie selbst nicht haben. Oft wird Tinnitus und dessen Begleiterscheinungen wie Schlafstörungen bagatellisiert, indem man sagt, „Schwamm drüber, es geht weiter“. In der Tat geht es weiter, doch die Frage ist, wie. Es gibt Menschen, die chronischen Tinnitus haben und damit klarkommen, weil sie sich nicht zu sehr davon beeinflussen lassen. Mediziner sprechen dann vom sogenannten kompensierten Tinnitus. Doch dem größeren Anteil fehlt die Distanz zum Tinnitus. Vielmehr nehmen sie ihn in allen Lebensbereichen wahr und fühlen sich dadurch deutlich beeinträchtigt.

Wie sieht die Behandlung von chronischem Tinnitus aus?

Kurz vorweg: Tinnitus ist relativ therapieresistent. Wer die eine erfolgreiche Heilmethode sucht, die mit Garantie jedem hilft, wird enttäuscht werden. Im Rahmen der psychiatrischen Tinnitus-Sprechstunde bieten wir zwei Therapie-Bausteine an: Zum einen die Repetitive Transkranielle Magnetstimulation, kurz RTMS, zum anderen eine kognitive Verhaltenstherapie bei Tinnitus. Bei der RTMS legt speziell geschultes Personal dem Patienten eine Magnetspule am Kopf an, die Strom mit einer Frequenz von einem Hertz produziert. Im übertragenen Sinne können Sie sich das Ganze wie eine Massage des Gehirnareals vorstellen, welches für die Verarbeitung von Tinnitus zuständig ist. Die circa 30-minütige, ambulante Anwendung ist schmerzfrei, der Patient verspürt lediglich ein leichtes Kribbeln. Es sind mehrere Sitzungen notwendig: Die Patienten müssen 15 Tage, also drei Wochen hintereinander montags bis freitags, zu uns kommen.

Wie sieht die Erfolgsquote der Repetitiven Transkraniellen Magnetstimulation aus?

Sie ist relativ niedrig. 5 bis maximal 10 Prozent aller Patienten mit chronischem Tinnitus profitieren davon. Doch diejenigen, die sehr gut auf die Therapie ansprechen, suchen unsere Sprechstunde immer wieder auf, da die RTMS das einzige Verfahren ist, das ihnen hilft. Doch vorherzusagen, bei wem die Therapieoption Linderung verschafft, und bei wem nicht, ist leider unmöglich.

Sie haben die kognitive Verhaltenstherapie bei Tinnitus bereits erwähnt. Könnten Sie bitte deren Ablauf erläutern?

Sie besteht aus circa 10 Sitzungen, von jeweils 45 Minuten. Diese Therapie hat das Ziel, die Menschen dabei zu unterstützen, besser mit ihrem chronischen Tinnitus klarzukommen, indem sie ihn weniger stark wahrnehmen. Konkret bedeutet das beispielsweise, Möglichkeiten aufzuzeigen, wie sich Betroffene in Situationen, in denen sich der Tinnitus verstärkt, entspannen und den Fokus vom Tinnitus ablenken. Wir arbeiten darauf hin, den Patienten ein Stück Lebensqualität zurückzugeben.

Bei der speziell für Tinnitus-Patienten zugeschnittenen Verhaltenstherapie sind die Erfolgsquoten auch höher, sie liegen bei 20 bis 25 Prozent. Im Rahmen einer Studie, die wir durchführen, bieten wir für unsere Patienten beide Therapieverfahren an. Durch die Kombination der genannten Optionen soll sich die Erfolgsquote weiter steigern.

Bei akut und subakut auftretendem Tinnitus können Arzneimittel in Form von Infusionen zum Einsatz kommen, die unter anderem der besseren Durchblutung des Innenohrs dienen sollen. Ein wirksames Medikament gegen chronischen Tinnitus ist (noch) nicht vorhanden?

Die medizinische Forschung schreitet voran, beispielsweise im Rahmen des Projekts TINNET. Doch ein Medikament, das bei chronischem Tinnitus hilft, gibt es noch nicht.

Ist chronischer Tinnitus die Ursache oder Folge von Begleiterkrankungen wie Depressionen oder Schlafstörungen?

Weder noch, Tinnitus ist ein unabhängiges Symptom. Ursächlich hat Tinnitus mit Depressionen überhaupt nichts zu tun, da der Ursprung ein vollkommen anderer ist. Bei einer Insomnie, also einer Ein- und Durchschlafstörung, könnte Tinnitus die Ursache sein. Und zwar aus einem einfachen Grund: Wenn wir Geräusche hören, ist es schwer, abzuschalten. Tatsache ist aber auch, dass Tinnitus überdurchschnittlich häufig auftritt – sowohl bei einer Depression als auch einer Insomnie.

Haben Sie praktische Tipps für Ratsuchende, wenn sie aufgrund des Tinnitus vergeblich auf den Sandmann warten?

Wir können nur einschlafen, wenn wir es schaffen, gedanklich loszulassen. Daher sind Entspannungsübungen vor dem Einschlafen eine gute Sache. Sie mildern den Tinnitus und beschleunigen das Einschlafen. Empfehlenswert ist vor allem die Progressive Muskelentspannung nach Jacobsen. Einige Krankenkassen übernehmen zumindest einen Teil der Kurskosten. Es ist ratsam, sich im Vorfeld bei seiner eigenen Krankenkasse über die Möglichkeit einer Bezuschussung zu informieren.

Darüber hinaus hilft es manchen Betroffenen, im Schlafzimmer eine unaufdringliche, monotone Geräuschkulisse zu schaffen. Beispielsweise kann dies ein Zimmerbrunnen sein, der entspannend vor sich hinplätschert. Generell gilt: Alles was helfen könnte, sollte man ausprobieren.

Was ist absolut tabu?

Verzichten Sie darauf, auf den Wecker, das Handy oder die Uhr zu schauen, um zu prüfen, wie weit die schlaflose Nacht bereits vorangeschritten ist. Auch vom Planen des nächsten Tages und der anstehenden Termine sollten Sie absehen. Vermeiden Sie quälende Gedanken wie „Wie groß ist wohl der morgige Berg an unerledigten Aufgaben, wenn es mir nicht gelingt, bald einzuschlafen“. Das Fokussieren auf negative Inhalte löst Stress aus, verstärkt die Wahrnehmung von Tinnitus und verschlechtert die Schlafqualität sowie das gesamte Wohlbefinden. Es ist wichtig, bereits vor dem Zubettgehen das Grübeln einzustellen und das Gedankenkarussell zu stoppen. Konzentrieren Sie sich stattdessen auf Gedanken, die positive Gefühle hervorrufen.

„Unser Rückzugsort, das Bett, hat mit Denken nichts zu tun.“ (Prof. Dr. med. Richter)

Warum ist es so wichtig, dass Betroffene nicht ohne ärztliche Absprache zu Schlafmitteln greifen?

Einige Schlafmittel, wie Benzodiazepine oder Benzodiazepine-Antagonisten, können abhängig machen. Eine regelmäßige Einnahme dieser Medikamente birgt eine hohe Suchtgefahr. Außerdem behandeln Schlafmittel die Ein- oder Durchschlafstörung nicht. Denn sobald die Schlafmittel abgesetzt werden, treten die Schlafprobleme wieder auf.

Welche ermutigenden Worte möchten Sie Betroffenen mitgeben, die aufgrund von langanhaltenden Schlafstörungen zermürbt und frustriert sind?

Es gibt nichtmedikamentöse Behandlungsmöglichkeiten. Melden Sie sich bei uns in der psychiatrischen Schlafambulanz. Wir geben Menschen mit chronischem Tinnitus, der nicht von einer organischen Ursache herrührt, Empfehlungen für Zuhause, um das Gedankenkreisen abzuschalten sowie Tipps, um generell besser zu schlafen.

Termin in der psychiatrischen Tinnitus-Sprechstunde vereinbaren

Die Wartezeit beträgt aktuell etwa 2 Monate. Laut Frau Prof. Dr. Richter gibt es auch eine Warteliste, das heißt, eventuell bekommen Sie früher einen Termin, wenn jemand absagt. Organische Ursachen sollten jedoch vorab von ärztlicher Seite ausgeschlossen worden sein.

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Noch ein Aspekt zum Schluss: Tinnitus ist ein psychosomatisches Symptom und oft ein Alarm der Seele. Viele Menschen sind außergewöhnlichen Belastungen im Berufs- und Privatleben ausgesetzt. Mein Rat ist, hören Sie auf die Signale, die Ihnen Ihr Körper sendet und achten Sie auf Ihr seelisches Gleichgewicht. Häufig schuften wir unentwegt und übersehen, wenn es zu viel wird. Chronischer Tinnitus ist ein Zeichen dafür, dass die Belastungen überhandnehmen und sich etwas ändern muss.

Frau Prof. Dr. Richter, vielen Dank für das Interview!

Julia Lindert
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Medizinredakteurin
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