Parasomnie: Wenn Schlafwandeln und Co. die Nachtruhe stören

4. Februar 2020
13 Min.

Albträume oder Zuckungen beim Einschlafen – das sind Parasomnien, die sicher jeder von uns gelegentlich erlebt. Oftmals wachen wir davon kurz auf, schlafen aber genauso schnell wieder ein. Wer jedoch an einer Parasomnie wie Schlafwandeln oder einer Schlaflähmung leidet, fühlt sich in seinem Alltag meist durch Müdigkeit und Konzentrationsstörungen massiv beeinträchtigt. Lesen Sie, welche Parasomnien typisch sind und wann eine Behandlung sinnvoll ist.

Von Parasomnien geplagte Frau versteckt sich unter der Bettdecke

Das sollten Sie über Parasomnie wissen

Was ist eine Parasomnie?

Parasomnie bedeutet übersetzt „im Schlaf auftretend“. Dementsprechend fassen Mediziner darunter Ereignisse zusammen, die schlafenden Menschen widerfahren (beispielsweise Albträume) oder an denen sie mehr oder weniger aktiv beteiligt sind (etwa Sprechen im Schlaf). Vor allem bei Aktivitäten außerhalb des Bettes – wie beim Schlafwandeln – schildern viele Patienten, dass ihr Schlaf für sie unentspannt ist und ihnen das Einschlafen nach einem solchen Ereignis schwerfällt. Aus diesem Grund zählen Parasomnien zu den typischen Schlafstörungen.

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Parasomnien werden anhand der Schlafstadien eingeteilt

Es gibt nicht die eine Parasomnie, sondern viele verschiedene Formen der Schlafstörung – je nachdem in welchem Schlafstadium sie auftritt. Im Folgenden finden Sie eine Übersicht über die gängigen Parasomnie-Arten:



Ein kurzer Exkurs: Die Schlafstadien im Überblick

Je nachdem wie lange unser Schlaf ist, durchlaufen wir mehrmals pro Nacht verschiedene Schlafphasen. Grob unterscheiden Experten zwischen dem Leicht- und dem Tiefschlaf, beziehungsweise REM-Schlaf (Rapid-Eye-Movement: schnelle Augenbewegungen bei geschlossenen Lidern; Phase, in der man träumt) und Non-REM-Schlaf (Rapid-Eye-Movement: Traumphase mit schnellen Augenbewegungen, bei geschlossenen Lidern) und Non-REM-Schlaf (traumlose Phase, in der sich die Augen nicht bewegen). Eine genauere Einteilung sieht wie folgt aus:

  • 1. Phase: Einschlafphase (Non-REM-Schlaf)
  • 2. Phase: Leichtschlafphase (Non-REM-Schlaf)
  • 3./4. Phase: Tiefschlafphase (Non-REM-Schlaf)
  • 5. Phase: Traumphase (REM-Schlaf)
Dabei dauert es in der Regel circa 90 Minuten bis alle Schlafstadien abgeschlossen sind. Pro Nacht durchlaufen wir den Zyklus etwa vier bis sieben Mal1. Dabei sind die einzelnen Phasen immer unterschiedlich lang und können sich in der Nacht willkürlich wiederholen oder abwechseln.

Aufwachstörungen oder auch Non-REM-Schlaf-Parasomnien

Tritt die Parasomnie während des Non-REM-Schlafes (auch NREM-Schlaf) auf, also in der Zeit vom Wachsein bis zum Tiefschlaf, sprechen Experten auch von Aufwachstörungen, da das Gehirn während der Aktion im Schlaf nicht vollständig erwacht. Zu den NREM-Parasomnien zählen unter anderem:

  • Nachtangst (Pavor Nocturnus): Häufig tritt die Nachtangst (auch Nachtschreck) im ersten Drittel der Nacht und zu Beginn der Tiefschlafphase auf.2 Betroffene — in der Regel Kinder — fangen dann unter anderem plötzlich an, laut zu schreien, zu zittern und haben weit aufgerissene Augen – sie befinden sich in einer Art Schockzustand. In manchen Fällen kommt es vor, dass sie dabei aus dem Bett springen oder fluchtartig aus dem Haus laufen wollen. Um Nachtangst zu behandeln, ist es wichtig, eine gute Schlafhygiene einzuhalten und Schlafmangel zu vermeiden. Leiden Kinder unter den Beschwerden, sollten sich Eltern beim Kinderarzt informieren und das Kind, wenn nötig, vorsichtig darüber aufklären. Bei häufigem Auftreten kann eine psychotherapeutische Behandlung helfen.
  • Schlafwandeln (Somnambulismus): Bei dieser Parasomnie kommt es meistens in der ersten Schlafhälfte zu nächtlichen Aktivitäten (etwa Aufstehen, Herumlaufen), ohne dass die Person tatsächlich wach ist. Unfälle sind hierbei nicht selten, da die Betroffenen sich im Dunkeln schnell an Gegenständen oder Möbelstücken verletzen können. So kann es helfen, Ecken und spitze Kanten von Möbeln weich abzukleben oder mit Schutzkappen zu sichern. Ebenso ist es sinnvoll, Türen und Fenster vor dem Zubettgehen abzuschließen. Wecken Sie einen Schlafwandelnden nicht auf, sondern führen Sie ihn behutsam zurück zum Bett. Über die akuten Maßnahmen hinaus, ist es wichtig, den Betroffenen selbst und auch das Umfeld über die Parasomnie zu informieren. So werden Ängste vermieden und Verständnis für die Situation geschaffen. Zwar gibt es keine konkrete Therapie, das Vermeiden von Schlafdefiziten kann jedoch dazu beitragen, die Häufigkeit des Schlafwandelns zu reduzieren.
  • Schlaftrunkenheit: Unter diesem nächtlichen Phänomen leiden Menschen, die plötzlich aus dem Tiefschlaf gerissen werden und anschließend für einige Minuten in einer Art Dämmerzustand verbleiben. Hauptsächlich tritt diese Parasomnie bei Kindern auf, seltener können auch Erwachsene betroffen sein. Kennzeichnend für Schlaftrunkenheit ist Verwirrung und Desorientierung. In vielen Fällen sind Schlafentzug oder Medikamente, bei erwachsenen Menschen auch Alkohol oder Drogen verantwortlich. Auch ein verschobener Schlaf-Wach-Rhythmus (etwa bei Schichtarbeit) kann Ursache sein. Zur Behandlung ist es hilfreich, die genannten Einfluss-Faktoren so weit wie möglich zu reduzieren.

Was bedeutet Schlafhygiene?

Unter diesem Begriff werden bestimmte Verhaltensweisen zusammengefasst, die einen gesunden und erholsamen Schlaf fördern. Unter anderem zählen dazu:

  • jeden Tag zur gleichen Zeit aufstehen und ins Bett gehen
  • nur Schlafen, wenn man wirklich müde ist
  • Mittagschlaf wenn möglich vermeiden
  • vor dem Schlafengehen keine alkohol-, nikotin- oder koffeinhaltigen Genussmittel zuführen
  • regelmäßig Sport treiben
  • Medikamente wie Schlaftabletten nur in Absprache mit einem Arzt einnehmen

Schlafstörungen in der zweiten Schlafhälfte – REM-Parasomnien

Der REM-Schlaf tritt meistens zum Ende einer Schlafperiode auf und ist die Phase, in der wir träumen. Als REM-Parasomnien werden daher Störungen bezeichnet, die den Schlaf in seiner letzten Phase beeinflussen beziehungsweise stören. Typische Parasomnien, die sich dieser Form zuordnen lassen, sind unter anderem:

  • Albträume: Die meisten Menschen haben sie bereits erlebt – daher handelt es sich um die häufigste Variante von Parasomnie. Charakterisiert sind Albträume durch Gefühle wie Trauer, Angst oder Ekel, die so präsent und intensiv sein können, dass sie Betroffene aufwachen lassen.
  • REM-Verhaltensstörung: Wenn Personen besonders intensive Träume mit viel Aktivität haben, bewegen sie sich bei dieser Parasomnie übermäßig. Beispielsweise schlagen sie um sich oder treten mit den Beinen. Das kann zu Eigen- oder Fremdverletzungen führen. Im Gegensatz zum Schlafwandeln wird das Bett aber eher selten verlassen. Experten gehen davon aus, dass diese Art der Parasomnie ein Vorbote für Erkrankungen wie Parkinson ist3.
  • Schlaflähmung (Schlafparalyse): Diese Schlafstörung ist beim Aufwachen durch wenige Sekunden bis Minuten andauernde Bewegungslosigkeit gekennzeichnet, die häufig im direkten Anschluss an einen Traum einsetzt. Bis auf die Atmung und Augenbewegung erstreckt sich dabei ein plötzliches Gefühl der Lähmung über die gesamte Skelettmuskulatur. Parasomnien wie diese kommen vor allem bei Patienten mit Narkolepsie (Schlafkrankheit) vor4.

Aha!

Die meisten NREM-Schlaf-Parasomnien treten vor allem bei Kindern und Jugendlichen auf. In der Regel handelt es sich jedoch nicht um eine dauerhafte, sondern eine vorübergehende Schlafstörung, die laut Wissenschaftlern im Rahmen der Gehirnentwicklung vorkommt. Lediglich in Ausnahmefällen kann eine in der Kindheit entstandene NREM-Parasomnie bis in das Erwachsenenalter bestehen bleiben.

Unspezifische Parasomnien

Einige Formen der Parasomnie können keiner spezifischen Schlafphase zugeordnet werden – sprich, sie kommen während der gesamten nächtlichen Ruhe vor. Dazu zählen:

  • Bettnässen
  • Nahrungsaufnahme im Schlaf
  • Zähneknirschen
  • Hin- und Her-Rollen des Körpers
  • Schlafzuckungen
  • Reden im Schlaf

Meistens treten diese Phänomene beim Wechsel von einem Schlafstadium in ein anderes auf.

Über die Entstehung von Parasomnien

Die Erforschung der Ursachen von Parasomnien ist zum heutigen Zeitpunkt noch nicht vollständig abgeschlossen. Da viele Parasomnien vor allem im Kindesalter auftreten, gehen Mediziner von einer Reifestörung des jungen Gehirns aus, die vorübergehend und meistens harmlos ist.

Parasomnien, die sich im Erwachsenenalter zeigen, sind deutlich komplexer. Je nachdem, was für eine Schlafstörung vorliegt, variieren die Ursachen beziehungsweise kann in den allermeisten Fällen gar kein klarer Auslöser bestimmt werden. Risikofaktoren für die Entstehung von Parasomnien sind jedoch laut Vermutungen der Ärzte die folgenden5:

  • Stress
  • genetische Veranlagung
  • Depression
  • posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)
  • Medikamente
  • Alkohol
  • Entzugserscheinungen (Alkohol, Drogen, Antidepressiva oder Beruhigungsmittel)

Aller Wahrscheinlichkeit nach können auch Schädigungen des Zentralen Nervensystems (ZNS) – wie sie im Rahmen der Erkrankungen Parkinson, Epilepsie oder Demenz auftreten – für eine Parasomnie verantwortlich sein4. Welcher Zusammenhang genau zwischen den Krankheiten und den Störungen im Schlaf besteht, ist jedoch noch nicht geklärt. Mediziner vermuten, dass das ZNS in der Nacht aktiviert beziehungsweise überaktiviert wird, wodurch die Phänomene in Erscheinung treten.6

Parasomnie: Diagnose und Behandlung

Bei Parasomnien gilt es abzuwägen, in welchem Umfang behandelt werden muss. Grundsätzlich hängt das von der persönlichen Beeinträchtigung durch die Schlafstörung ab. Wenn der Betroffene durch seine nächtlichen Aktivitäten (wie Herumwälzen im Schlaf) weder aufwacht noch durch Tagesmüdigkeit oder Konzentrationsschwäche beeinträchtigt ist, wird eine Parasomnie für gewöhnlich nicht behandelt.

Was tun gegen Zähneknirschen und Reden im Schlaf?

Gegen das nächtliche Knirschen im Rahmen einer Parasomnie gibt es bislang keine universell wirksame Behandlung. Vielmehr ist hier wichtig, die zugrundeliegenden Ursachen (etwa Stress, psychische Probleme auszumachen und dagegen therapeutisch vorzugehen. Auch Entspannungsübungen vor dem Schlafengehen können Linderung bringen. Um langfristige Schäden an den Zähnen zu vermeiden, helfen Zahnschienen, die nachts getragen werden. Sprechen Sie dazu mit Ihrem Haus- oder Zahnarzt.

Sollten Sie im Schlaf reden, ist es dann sinnvoll etwas dagegen zu tun, wenn der eigene Schlaf oder der des Partners darunter leidet. In erster Linie kann hier eine gute Schlafhygiene Abhilfe schaffen. Das heißt vor allem: Keine schweren Mahlzeiten oder Genussmittel (wie Alkohol) vor dem Zubettgehen konsumieren und die Schlafdauer ausreichend lang zu gestalten. Denn Schlafdefizite können die Probleme verstärken. In manchen Fällen sind auch hier psychische Belastungen und Stress verantwortlich, weshalb eine Psychotherapie hilfreich sein kann.

Bei besonders starken Parasomnien wie REM-Verhaltensstörungen, immer wiederkehrenden Albträumen oder Schlaflähmungen fühlen sich Betroffene jedoch tagsüber ausgelaugt und kaum erholt. Teilweise verletzen sie sich auch bei ihren nächtlichen Aktivitäten. In diesen Fällen hat der gestörte Schlaf massive Auswirkungen auf den Alltag und die Gesundheit. Daher ist es ratsam, einen Schlaf-Experten aufzusuchen. Meistens muss der Patient für eine Diagnose einige Nächte in ein Schlaflabor. Dort wird er mithilfe einer Polysomnographie (Dokumentation mehrerer Körperfunktionen in der Nacht) und Videoüberwachung beobachtet. Durch die Aufzeichnungen kann ein persönliches Schlafprofil erstellt werden. Je nach Diagnose arbeitet der Arzt eine individuelle Therapie aus. Meistens besteht diese aus Entspannungstechniken und Einschlafübungen, in seltenen Fällen – beispielsweise, wenn eine Krankheit wie Narkolepsie oder Parkinson ursächlich für die Parasomnie ist – möglicherweise aus einer langfristigen Medikation.

Jan Zimmermann
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Medizinredakteur und Medienwissenschaftler
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