Generalisierte Angststörung: Wenn Angst den Alltag bestimmt

2. März 2020
12 Min.

Nahezu jeder Mensch hat manchmal Angst: Vor der anstehenden Prüfung, der wichtigen Präsentation im Job oder dem ersten Date. Bei einigen Menschen verselbstständigen sich Sorgen, Ängste und Nöte jedoch. In einem solchen Fall sprechen Mediziner von einer generalisierten Angststörung. Lesen Sie, wie Sie mit einer solchen Angsterkrankung umgehen können.


Überblick:



Generalisierte Angststörung im Überblick

  • Definition: übermäßige Ängste und Sorgen, sich selbst und andere betreffend, über mindestens 6 Monate hinweg1
  • Symptome: starke, dauerpräsente Angst, dass etwas Schlimmes passieren könnte; Atembeschwerden, Schmerzen und Missempfindungen, Schlafstörungen, erhöhte Herzfrequenz
  • Diagnose: Beschreibung der Beschwerden, Beantwortung von Fragebögen, körperliche Untersuchung
  • Behandlung: medikamentöse Behandlung mit Antidepressiva und Psychotherapie, in der Regel kognitive Verhaltenstherapie
  • Tipps: Entspannungstechniken, Sport und Akzeptanz der generalisierten Angststörung als Krankheit
  • Ursachen: noch nicht vollständig geklärt, genetische Faktoren sehr wahrscheinlich

Diese fürchterliche Angst – Symptome einer generalisierten Angststörung

Die generalisierte Angststörung (GAS) zeichnet sich durch übermäßig häufig auftretende Ängste gegenüber einer Vielzahl von Aktivitäten oder Ereignissen aus. Schweregrad, Häufigkeit und Dauer der Sorgen fallen verhältnismäßig viel größer aus, als es die eigentliche Situation rechtfertigt („Katastrophisierungen“). Bestehen müssen diese Angstzustände über mindestens 6 Monate, um als generalisierte Angststörung klassifiziert zu werden.1

Wofür brauchen wir Angst?

Menschen, die unter einer Angststörung leiden, fragen sich möglicherweise, warum Angst überhaupt empfunden werden muss. Angst trägt wesentlich zu unserer Selbsterhaltung und unserem Selbstschutz bei. Diese Emotion lässt uns Gefahren erkennen und darauf reagieren.

Betroffene berichten bei einer generalisierten Angsterkrankung von folgenden, über Wochen immer wieder auftretenden psychischen Auffälligkeiten:

  • Nervosität
  • Angst vor Kontrollverlust
  • Angst zu sterben
  • „Metasorgen“, beispielsweise „Wegen meiner ständigen Angst bekomme ich sicher bald ein Magengeschwür!“
  • Konzentrations- und Schlafstörungen
  • Derealisation (verfremdete, überängstigte Wahrnehmung) und Depersonalisation (Selbstentfremdung, Betroffene haben das Gefühl, sich von außen zu betrachten)

Zu den körperlichen Symptomen gehören vor allem:

  • erhöhte Herzfrequenz
  • Schwitzen
  • Zuckungen (Zittern) und Muskelverspannungen
  • Mundtrockenheit
  • Atembeschwerden sowie Beklemmungsgefühl
  • Brustkorbschmerzen und Missempfindungen
  • Magenschmerzen, Übelkeit
  • Schwindel

Wenn Sie eines oder mehrere dieser Symptome an sich beobachten, sollten Sie einen Arzt aufsuchen, damit er den Ursprung der Beschwerden ermitteln kann.

Wie der Mediziner eine generalisierte Angsterkrankung diagnostiziert

Eine gute erste Anlaufstelle ist der Hausarzt (Allgemeinmediziner). Zunächst wird er die körperliche Gesundheit abgeklärt, beispielweise durch eine physische Untersuchung und Bluttests — so kann er Krankheiten wie eine Herzrhythmusstörung ausschließen. Fällt mit der Beschreibung der Symptome der Verdacht auf eine psychische Erkrankung, verweist der Allgemeinmediziner an einen Psychotherapeuten oder Psychiater. Dieser konkretisiert die Diagnose unter anderem mittels Fragebogen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden Ihnen Fragen in dieser Art gestellt:

  • Wie häufig fühlen Sie sich gestresst oder angespannt?
  • Sind Sie vermehrt unruhig und nervös?
  • Haben Sie viele Ängste und Sorgen, dass etwas Schlimmes passieren könnte?
  • Kennen Sie das Gefühl, dass Sie die Kontrolle über diese ängstlichen Gedanken verlieren?

Um nach den Kriterien der ICD-10 Klassifikation (international anerkanntes Klassifikationssystem für medizinische Diagnosen) die Diagnose generalisierte Angststörung zu stellen, müssen diese Punkte gegeben sein:

  • Die Beschwerden bestehen seit mindestens sechs Monaten.1
  • Es treten mehr als drei der charakteristischen Symptome zusätzlich zu übermäßigen Sorgen und Ängsten auf.1

Der erste Schritt, um belastende Ängste wieder loszuwerden, ist der Gang zum Arzt. Für einige Menschen erfordert es noch immer Mut, sich bei psychischen Beschwerden professionelle Unterstützung zu suchen. Wagen Sie den Schritt so früh, wie es Ihnen möglich ist, und lassen Sie sich helfen – um einschränkende Beschwerden wieder loszuwerden und das Leben in vollen Zügen zu genießen.

Unser Selbsttest kann Ihnen erste Anhaltspunkte liefern, ob möglicherweise eine Angststörung vorliegt. Außerdem können die gestellten Fragen Sie schon auf das Anamnese-Gespräch mit dem Arzt vorbereiten



Generalisierte Angststörung

Sie fühlen sich nervös, ängstlich oder gereizt.

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Sie sind in der Lage, Grübeln zu unterbrechen oder zu kontrollieren.

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Sie machen sich ständig Sorgen über viele Dinge.

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Sie haben Schwierigkeiten, sich zu entspannen.

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Sie sind so unruhig, dass es Ihnen schwerfällt, still zu sitzen.

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Sie sind schnell verärgert oder gereizt.

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Sie haben Angst, etwas Schreckliches könnte passieren.

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Sie haben Schlafstörungen.

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Bei der Arbeit können Sie sich nicht konzentrieren.

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Herzklopfen, Schwindel, Übelkeit und Schweißausbrüche treten häufig auf.

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Achtung: Der Test und seine Ergebnisse können eine ärztliche Untersuchung oder Diagnose nicht ersetzen – die abgefragten Fakten geben lediglich Hinweise darauf, ob hinter den Symptomen eine Angststörung stecken könnte. Bei anhaltenden, starken oder zunehmenden Beschwerden sollten Sie unbedingt einen Arzt oder Therapeuten aufsuchen.



Abgrenzung zu anderen Störungen der Psyche

  • Depression: teils starke Traurigkeit, einhergehend mit Antriebslosigkeit und Interessensverlust; negative Gedanken und Emotionen kreisen eher um vergangene Geschehnisse; zum Teil aufgrund von Traumata (seelische Verletzungen)
  • Panikattacke: plötzlicher, akuter Anfall, bei dem Betroffene unter Herzrasen, Atemnot sowie Zittern leiden und möglicherweise in Todesangst geraten
  • Panikstörung: wiederkehrende Panikattacken und Verhaltensänderungen aus Angst vor dem Auftreten von Panikattacken
  • Agoraphobie: Angst und Beklemmungsgefühle, unter anderem an öffentlichen Plätzen und in Menschenmengen

Eine generalisierte Angsterkrankung, Panikattacken und Agoraphobie sind Unterformen einer Angststörung.

Keine Sorge – generalisierte Angststörungen sind gut behandelbar!

Auch wenn sich eine ausgeprägte Angsterkrankung sehr bedrohlich anfühlt und Betroffene das Gefühl haben, komplett die Kontrolle über ihren Körper und ihre Gedanken zu verlieren – es gibt gute Therapiemöglichkeiten.

Im Rahmen einer medikamentösen Behandlung erweisen sich Antidepressiva, insbesondere sogenannte selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer und Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer, als wirksam.2 Die Medikamente verhindern, dass nach der Ausschüttung dieser Botenstoffe die Wiederaufnahme in den Speicher der „Senderzelle“ stattfindet. Diese Arzneimittel sind für eine längerfristige Therapie gedacht, sie zeigen ihre Wirkung erst nach einer langsam erfolgenden Dosissteigerung über mehrere Wochen.2

Benzodiazepine hingegen sind Medikamente, die Angstgefühle relativ schnell lindern. Da sie jedoch ein hohes Abhängigkeitsrisiko mit sich bringen, dienen sie meist nur als kurze „Übergangslösung“, bis das Antidepressivum und eine Psychotherapie greifen.

Pflanzliche Mittel aus Baldrian, Hopfen, Melisse oder Passionsblume können neben anderen Medikamenten dazu beitragen, Ängste zu lösen. Diese Arzneien müssen für ihre volle entspannende und beruhigende Wirkung meist ebenfalls über einen längeren Zeitraum eingenommen werden.

Die bisher benannten Mittel wirken sich entspannend auf die Psyche aus. Eine Psychotherapie hingegen setzt bereits am möglichen Ursprungsproblem an.3 Häufig befürworten Mediziner daher eine Kombination aus medikamentöser und psychotherapeutischer Behandlung, da sie kurzfristig und auf lange Sicht greift.

In der Regel wird bei der Diagnose generalisierte Angststörung eine kognitive Verhaltenstherapie angestrebt. Ziele dieser Behandlung, die zusammen mit dem Psychotherapeuten erarbeitet werden, sind vor allem:

  • Aufklärung über die Erkrankung generalisierte Angststörung und die individuelle Ausprägung
  • Erkennen und Abwandeln von individuellen angstauslösenden Gedanken und dysfunktionalen Kognitionen (einschränkende „Denkfehler“, zum Beispiel willkürliche Schlussfolgerungen ohne sichtbaren Beweis)
  • Distanzierung von „Katastrophisierungen“
  • Verbesserung der Fähigkeiten zur Problemlösung

Je nach Schweregrad der individuellen Erkrankung erfordert es möglicherweise etwas Zeit und Arbeit, um die Beschwerden zu lindern. Aber allein die eigene Angststörung „kennenzulernen“, kann den Betroffenen schon einiges an Sicherheit zurückgeben.

Es hat sich gezeigt, dass es im Rahmen einer Verhaltenstherapie sinnvoll sein kann, die Patienten auch immer wieder mit angstauslösenden Situationen zu konfrontieren. Was zunächst erschreckend klingen mag, ist ein effektiver Weg aufzuzeigen, dass die vermeintlichen Angstmomente eigentlich gar nicht so bedrohlich sind. Die Patienten werden bei diesen Herausforderungen professionell von ihrem Therapeuten begleitet und unterstützt.

Tipps: Was kann krankhafte Angst und ständige Sorgen noch lindern?

Viele Betroffene mit der Krankheit generalisierte Angststörung profitieren neben einer ärztlich begleiteten Behandlung von verschiedenen Entspannungstechniken. Beispielsweise:

  • autogenes Training
  • Yoga
  • Pilates
  • Meditation

Diese können im Rahmen einer Therapie, in angebotenen Kursen oder bequem zuhause via Online-Videos erlernt werden.

Aber auch Sport ist eine gute Möglichkeit, um Angstzustände aufzulösen. Patienten vermeiden nicht selten körperliche Aktivität, neigen zu einer Schonhaltung und erleben Körperreaktionen wie einen gesteigerten Atemrhythmus und Puls als bedrohlich. Dabei ist Bewegung wie ein „natürliches Antidepressivum“, es werden Glückshormone – Dopamin, Serotonin und Endorphin – ausgeschüttet. Außerdem gewinnen Betroffene wieder Selbstvertrauen in sich und ihren Körper zurück. Mit regelmäßigem Training kommt es in der Regel zu einem Abbau von Stresshormonen und häufig in körperlichen Ruhephasen zu einer geringeren Adrenalinausschüttung. Der Körper lernt quasi wieder, wann er die „Aktionshormone“ wie Adrenalin wirklich benötigt. Das heißt, dass zum Beispiel das Herz nicht mehr so schnell zu rasen beginnt. Die positiven Effekte von Sport auf generalisierte Angststörungen wurden bereits in Studien nachgewiesen.4

Drei Menschen, die Sport machen, um seine generalisierte Angststörung zu bekämpfen.

Was Betroffene und deren Mitmenschen im Umgang mit einer generalisierten Angststörung allgemein immer beachten sollten: Es handelt sich um eine erstzunehmende psychische Erkrankung, etwa 5 Prozent der Bevölkerung leiden darunter.5 Unverständnis oder gar Aufforderungen „sich doch einfach mal zusammenzureißen“ oder „nicht so anzustellen“, sind unangebracht und kontraproduktiv. Für Betroffene ist es ratsam, die eigene Störung anzuerkennen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen und sich Zeit zur Behandlung und zur Erholung zu gönnen. Denn eine generalisierte Angststörung entwickelt sich in der Regel nicht von selbst zurück und erfordert eine aktive Therapie.

Unterstützung können Patienten auch in einer Selbsthilfegruppe finden. Hier – unter Menschen, die mehr oder weniger das Gleiche durchleben – fühlen sich Betroffene häufig sehr verstanden und aufgehoben.

Ursprung aller Sorgen – die Ursachen für eine generalisierte Angststörung

Eine Angsterkrankung kann sich aus verschiedenen Faktoren heraus entwickeln, wobei häufig eine Kombination aus psychologischen und biologischen Ursachen verantwortlich ist. Wie bei anderen Angststörungen auch, werden

  • traumatische Lebenserfahrungen,
  • Fehlkonditionierungen („Fehlverknüpfungen“),
  • genetische Aspekte und
  • neurobiologische Dysfunktionen

als mögliche Entwicklungsaspekte betrachtet.

Genetischer Einfluss ließ sich durch Familien- und Zwillingsstudien zu 15-40 Prozent belegen. Wobei wahrscheinlich nicht ein bestimmtes Gen verantwortlich gemacht werden kann, sondern vielmehr die Interaktion von mehreren Genen miteinander.6

Im menschlichen Körper spielen sich komplexe, neurobiologische Vorgänge ab, die ebenfalls Auswirkungen auf Angststörungen nehmen können. In einem solchen Fall sind Botenstoffe (Neurotransmitter) wie Serotonin, Noradrenalin oder Gamma-Aminobuttersäure (GABA) aus dem Gleichgewicht geraten. Des Weiteren ist bei Angstpatienten eine Veränderung in bestimmten Gehirnbereichen, welche für die Steuerung von Emotionen zuständig sind, festgestellt worden.7

Carolin Stollberg
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