Hypersomnie: Schlaf, der ständige Begleiter

Erholsame Nachtruhe – wer sehnt sich nicht danach? Schließlich ist das wichtig für unsere körperliche und geistige Erholung. Die empfohlene Schlafdauer für Erwachsene liegt zwischen sieben bis neun Stunden pro Nacht1. Sicher, klingelt der Wecker, fällt das Aufstehen trotz einer angemessenen Mütze voll Schlaf mitunter schwer. Doch wer tagsüber immer müde ist und mit plötzlichen Schlafanfällen kämpft, leidet womöglich unter Hypersomnie.

Übersicht: alles Wichtige zur Hypersomnie

Immer müde – Formen der Hypersomnie

Schlafsucht – gibt es das wirklich? Tatsächlich wird die Hypersomnie, für die eine erhöhte Schlafneigung bezeichnend ist, umgangssprachlich auch Schlafsucht genannt.

Generell unterscheidet die Medizin die primäre sowie die sekundäre Hypersomnie. Bei der sekundären handelt es sich um ein symptomatisch erhöhtes Bedürfnis zu schlafen. Das heißt, die Schlafsucht entwickelt sich als Folge – beispielsweise aus psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Schilddrüsenstörungen oder dem Schlafapnoe-Syndrom, bei dem die Atmung im Schlaf immer wieder aussetzt.

Die primäre Hypersomnie lässt sich in verschiedene Formen unterteilen.

Idiopathische Hypersomnie

Idiopathisch bedeutet, dass die Ursachen noch unklar sind. Jedoch ist bei dieser Form von einer familiären Häufung auszugehen. In der Medizin wird über eine Störung des Zentralen Nervensystems (Nervenstrukturen im Gehirn und Rückenmark) diskutiert. Schließlich ist es das Gehirn, das Schlaf, Schläfrigkeit und Wachheit steuert.

Es gibt idiopathische Hypersomnien mit

  • normaler Schlafdauer (weniger als zehn Stunden) und
  • langer Schlafdauer (mehr als zehn Stunden)2.

Obwohl Betroffene nachts meist nicht wachwerden und – verglichen mit Personen ohne diese Schlafstörung – länger schlafen, sind sie trotzdem immer müde und es fällt ihnen morgens schwer, aufzustehen. Schlafmangel ist somit nicht der Grund für das Hauptsymptom, die ausgeprägte Tagesschläfrigkeit.

Tagesschläfrigkeit: Gleichzusetzen mit dem Begriff Müdigkeit?

Nein, in der Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin ist ein Einschlafdrang sowie eine „Reduktion der zentralnervösen Aktivierung“3, damit sind Wachheit und Daueraufmerksamkeit gemeint, für die Tagesschläfrigkeit typisch. Betroffene schlafen bei monotonen Beschäftigungen, zum Beispiel beim Lesen oder im Kino, ein.

Müdigkeit ist ein sehr subjektives Empfinden, es gibt dabei mehrere Komponenten: emotionale (Motivationsmangel), kognitive (geringere Leistungsfähigkeit) sowie körperliche (beispielsweise muskuläre Schwäche).

Weitere Symptome der sehr seltenen Form (tritt nur in 0,03 bis 0,13 Prozent4 der Fälle auf):

  • schleichender Beginn
  • nicht erholsamer Tagschlaf
  • Schlaftrunkenheit, nach Nacht- als auch nach Tagschlaf

Letzteres bedeutet, der Übergang vom Schlaf zum Wachzustand ist verlängert. Meist bildet sich die Schlafstörung im Jugendalter aus und bleibt dann lebenslang bestehen.

Periodische Hypersomnie

Auch bei dieser Form ist die Tagesschläfrigkeit typisch. Da Betroffene immer müde sind, schlafen sie bis zu 18 Stunden täglich5. Diese Phase der Tagesschläfrigkeit tritt ein- oder mehrmals pro Jahr auf und dauert einige Tage bis Wochen5. Auffällig ist, dass die periodische Hypersomnie häufig bei jungen Männern vorkommt, im speziellen nach Infektionen oder nachdem sie sich körperlich angestrengt haben. Zu den periodischen Hypersomnien zählt auch das mit weltweit weniger als 1.000 Fällen seltene Kleine-Levin-Syndrom6, welches mit psychischen Veränderungen einhergeht, beispielsweise Depression, Reizbarkeit, Aggression und Hypersexualität, einem übersteigertem sexuellen Verlangen.

Narkolepsie: eine sehr spezielle Form der Hypersomnie

Narkoleptikerin schläft aufgrund ihrer Hypersomnie-Erkrankung während des Frühstücks ein

Leitsymptome sind anhaltende Tagesschläfrigkeit und imperative Schlafattacken. Das bedeutet, die Betroffenen fühlen sich immer müde und können das Einschlafen einfach nicht verhindern. In 50 bis 90 Prozent der Fälle treten bei der neurologischen, sprich das Nervensystem betreffenden Erkrankung, zusätzlich Muskellähmungen (Kataplexien) auf. Diese halten meist für wenige Sekunden, manchmal für wenige Minuten an und treten bei starken Gefühlsregungen auf, beispielsweise Lachen, Ärger oder Überraschung7. Schätzungen zufolge leiden in Deutschland 40.000 Menschen an Narkolepsie8. Als Ursache wird ein starker Mangel oder das Fehlen des Botenstoffs Hypocretin vermutet, der Schaf und Wachsein reguliert.

Schweregrade der Schlafsucht

In der Internationalen Klassifikation für Schlafstörungen sind Kriterien aufgeführt, nach denen sich der Schweregrad bestimmen lässt:

  • Häufigkeit unfreiwilligen Einschlafens: bei der leichten Verlaufsform nicht täglich, bei der mittleren und schweren hingegen täglich.
  • Umstände, unter denen die Einschlafattacken stattfinden: Bei einer leichten Form der Hypersomnie schlafen Betroffene ein, wenn sie entspannt sind und sich dabei in einer wenig abwechslungsreichen Situation befinden, beispielsweise als Beifahrer. Beim mittleren Schweregrad übermannt sie der Schlaf, obwohl sie sich anstrengen, wach zu bleiben – zum Beispiel im Theater. Diagnostizieren Ärzte eine schwere Hypersomnie, siegt der Schlaf selbst bei körperlicher Betätigung, beispielsweise beim Essen oder wenn sich die Betroffenen mit anderen Personen unterhalten.

Je nach Schweregrad nimmt die Schlafsucht geringen oder massiven Einfluss auf das Privat- und Berufsleben. Nicht selten führt die Erkrankung zu sozialer Isolation und großer psychischer Belastung.

Diagnose von Hypersomnien über Ausschlussverfahren

Die Ursachensuche gleicht häufig der Arbeit eines Detektivs. Zum einen sind die Ursachen wie bei der idiopathischen Schlafsucht noch nicht bekannt. Zum anderen ist Hypersomnie ein Begleitsyndrom vieler Erkrankungen wie Depressionen, Schlaf-Apnoe-Syndrom oder Schilddrüsenunterfunktion. Ziel der Diagnose ist es also, körperliche und psychische Beschwerden auszuschließen, zu untersuchen, ob Grunderkrankungen bestehen oder die Hypersomnie gar als Nebenwirkung von Medikamenten wie Psychopharmaka herrührt. Generell gilt ein starkes Schlafbedürfnis und Tagesschläfrigkeit, die länger als drei bis sechs Monate anhält, als Richtwert, ab wann eine Untersuchung in einem Schlaflabor ins Auge gefasst werden sollte9.

Behandlung der Schlafsucht

Da vor allem die idiopathische Hypersomnie noch nicht ausreichend erforscht ist, fehlen Standards für die Therapie. Verhaltenstherapeuten empfehlen als nichtmedikamentöse Strategie, auf eine gute Schlafhygiene zu achten, das heißt:

  • regelmäßige Schlafzeiten einzuhalten,
  • Schlafentzug zu vermeiden und
  • sich in einen kühlen sowie dunklen Raum zurückzuziehen.

Sind die Betroffenen nicht infolge einer organischen Erkrankung immer müde, verschreibt der Arzt sogenannte Stimulanzien, den Organismus anregende Medikamente. Die Stimulanzien Methylphenidat, d-Amphetamin und Modafinil verringern die Tagesschläfrigkeit, allerdings liegen nur Fallstudien für Erwachsene vor10. Gegen die Schlaftrunkenheit nach dem Aufwachen helfen die Arzneimittel nicht. Da die Stimulanzien häufig vorkommende Nebenwirkungen wie Schwindel, Kopfschmerzen, Übelkeit und Tremor (Zittern) nach sich ziehen und Wirkstoffe wie Amphetamine hohes Suchtpotenzial haben, muss die Dosierung genau eingehalten werden. Ihr Arzt wird Sie dahingehend beraten.

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1 Hohmann-Jeddi, Christina: Neue Empfehlungen zur Schlafdauer. Pharmazeutische Zeitung online. Ausgabe 06/2015. URL: https://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=56286 (31.08.2018).

2 Ehrig, Christian/Voderholzer, Ulrich: Der gute und erholsame Schlaf. Huber : Bern. 2014. S. 70.

3 Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM): S3-Leitlinie, Nicht erholsamer Schlaf/Schlafstörungen. S. 11. URL: https://www.dgsm.de/downloads/akkreditierung_ergebnisqualitaet/S3-Leitlinie_Nicht_erholsamer_Schlaf-Schlafstoerungen.pdf (31.08.2018).

4 Ehrig, Christian/Voderholzer, Ulrich: Der gute und erholsame Schlaf. Huber : Bern. 2014. S. 70.

5 Kleuser, Burkhard: Krankhaft müde. Ausgabe 50/2015. Pharmazeutische Zeitung online. URL: https://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=61194 (31.08.2018).

6 Weeß, Hans-Günter: Kleine-Levin-Syndrom. In: Schlaf 2013; 2: 89-93. URL: https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/abstract/10.1055/s-0038-1626051 (31.08.2018).

7 Pschyrembel online. URL: https://www.pschyrembel.de/narkolepsie/K0EW7/doc/ (31.08.2018).

8 Deutsche Narkolepsie Gesellschaft e.V. URL: http://www.dng-ev.de/ (31.08.2018).

9 Ehrig, Christian/Voderholzer, Ulrich: Der gute und erholsame Schlaf. Huber : Bern. 2014. S. 64.

10 S1 Leitlinie 028-012 „Nichtorganische Schlafstörungen“. Stand: 07/2018. URL: https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/028-012l_S1_Nichtorganische_Schlafstoerungen_2018-07.pdf (03.09.2018).